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Rezension: Weißsein im Widerspruch

Daniel Bendix rezensiert das kürzlich erschienene Buch von Eske Wollrad “Weißsein im Widerspruch - Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion”. Die Rezension ist zuerst erschienen bei IZ3W.

„A real necessary change in direction“ – die kritische Untersuchung von Weißsein

Rezension von Daniel Bendix / AfricAvenir

In den letzten Jahren hat sich in Deutschland eine Forschungsperspektive entwickelt, die sich selbst als „Kritische Weißseinsforschung“ charakterisiert. Sie kommt der Anregung der Schwarzen feministischen Autorin bell hooks nach, die 1989 schrieb: „One change in direction that would be real cool would be the production of a discourse on race that interrogates whiteness.“ (zit. nach McClintock 1995: 7f.) Der Perspektivwechsel, den die weiße Autorin Eske Wollrad in ihrer Rassismusanalyse vollzieht, ist also inspiriert von den Arbeiten von Schwarzen Autorinnen und Autoren aus den USA (wie Toni Morrison, bell hooks u.a.) und Schwarzen in Deutschland. Diese nahmen und nehmen einerseits feministische Perspektiven auf Gesellschaft und Kultur ein, weisen aber andererseits in Abgrenzung zu solchen feministischen Positionen, die die Geschlechterhierarchien als übergeordnet strukturierend sehen, auf die Bedeutung von „Rasse“ und Klasse als Aus- und Einschlusskategorien hin. Der Kritischen Weißseinsforschung geht es generell darum, nicht mehr nur die zu „Anderen“ Gemachten, also die Objekte von Rassismus, in den Blick zu nehmen, sondern sich der Analyse des Zentrums von Rassismus, der Subjekte von Rassimus also, zu widmen.

In ihrem Buch „Weißsein im Widerspruch. Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion“ beschäftigt sich Eske Wollrad mit der Kategorie Weißsein und ihrer Wirksamkeit in Geschichte, Theologie und Philosophie (Kapitel 3), in globalen Schönheitsvorstellungen und im Warenkapitalismus (Kapitel 9) und im Hollywood-Film (Kapitel 10). Auch analysiert sie die Genese des Perspektivwechsels vom „Anderen“ hin zu Weißsein und die Probleme, mit denen die Untersuchung von Weißsein im deutschen Kontext konfrontiert ist (Kapitel 2, 6, 7). E.W. sieht den Ursprung der Weißseinsforschung in der Wissensproduktion von Schwarzen (besonders aus den USA) und deren Auseinandersetzung mit Rassismus, Sexismus und ökonomischer Ausbeutung (32f.), und ist sich der Gefahr bewusst, die in einer Usurpation des Forschungsgebietes der Kritischen Weißseinsstudien durch weiße Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besteht (51).

Sie gibt einen Überblick über die dominante Rassismusforschung in Deutschland. Diese sei dadurch gekennzeichnet, dass derzeitiger Rassismus als losgelöst von einer biologischen Vorstellung unterscheidbarer „Rassen“ analysiert und als „kulturalistisch“ bewertet wird (118). Zudem werde der Eindruck erweckt, es gäbe „nur“ Opfer von Rassismus, aber keine Subjekte, die diskriminieren und Vorherrschaft anstreben (124). Nach E.W. ist ein „körper- und subjektfreier Rassismus […] Produkt einer partikularen – und innerhalb der Matrix rassistischer Dominanz – privilegierten Position und ermöglicht es den weißen Forschenden, sich selbst als objektiv Analysierende und neutral Außenstehende zu platzieren“ (124).

Aufgabe einer kritischen Weißseinsforschung sollte sein, „den kritischen Blick vom rassischen Objekt zum rassischen Subjekt zu wenden; von den Beschriebenen und Imaginierten zu den Beschreibenden und Imaginierenden; von den Dienenden zu den Bedienten.“ (Toni Morrison zit. 123) Die Autorin verweist mehrmals auf die Gefahr der ahistorischen Essentialisierung von Weißsein bei dessen Untersuchung, weshalb eine kritische Weißseinsforschung historisch die Instabilität von Weißsein herausarbeiten müsse (126). Systematisch Bestandteil einer solchen Forschung muss eine kritische Reflexion der gesellschaftlichen Prägung der weißen Forschenden sein, da eine Trennung zwischen Weißsein als Thema und weißer Erfahrung von Dominanz und Privilegien nicht möglich sei (128). E.W. berichtet über eigene Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen Schwarzen und Weißen (Kapitel 11) und zeigt, warum diese zum Scheitern verurteilt ist, wenn auf Seiten der Weißen keine Auseinandersetzung über die eigene Motivation und das Interesse für antirassistische Arbeit (182ff.) und Probleme der Beschäftigung mit Weißsein (176) stattfindet.

Im letzten Kapitel werden konkrete Materialien für antirassistische Arbeit aufbereitet, die den Fokus weg von der Bewusstmachung und Bearbeitung der eigenen Vorurteile gegenüber Menschen, die z.B. aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe als „anders“ wahrgenommen werden, und hin zur kritischen Selbstreflexion der Position als Weiße oder Weißer in der deutschen Gesellschaft richten (186).

Auch wenn Eske Wollrads Buch nicht (wie auf dem Buchrücken angekündigt) „erstmals in deutscher Sprache […] die Normativität von Weißsein als ‘Rasse’-Konstrukt und gewaltvolle gesellschaftliche Realität problematisiert“ – die Autorin betont ja selbst, ihre Anlehnung u.a. an die Wissensproduktion von Schwarzen Deutschen und Schwarzen in Deutschland – so gelingt ihr diese Aufgabe doch ausgesprochen gut. Sie zeigt überzeugend und anschaulich, dass Weißsein oft wenig mit Hautfarbe zu tun hat, sondern – abhängig von sozio-ökonomischen Bedingungen und Interessen – immer Verhandlungssache ist (73): So wurden z.B. Deutsche bei ihrer Migration in die USA erst nicht als Weiße angesehen (76). Weißsein konnte zugesprochen und aberkannt werden und nicht selten auf dem Weg der gegen Schwarze erkämpft (74f.). Die Stärke des Buches liegt in der Verortung von Weißseinsstudien in die jahre- bzw. jahrhundertelangen Forschungen von Schwarzen und über Weißsein und in einem verdienstvollen Überblick über den Stand der Rassismusforschung in Deutschland.

Konsequent wird Weißsein dabei als historisch kontingent, relational (in Bezug auf das „Andere“ bzw. Schwarzsein) und verbunden mit anderen hierarchisierenden Differenzierungen wie Klasse, Geschlecht, Alter und Religion betrachtet. E.W. moniert, dass Analysen der Effekte des Konstruktes Weißsein fehlen und begegnet diesem, indem sie exemplarisch untersucht, wie weiße Schönheitsstandards über die globale Vermarktung von gesundheitsschädigenden Hautbleichungs- und Haarglättungsmitteln gewalttätig wirksam werden (51). Ihrer Aufforderung der Einbeziehung der eigenen Subjektposition wird E.W. dadurch gerecht, dass sie die eigene Arbeit in Projekten mit weißen und Schwarzen Wissenschaftlerinnen kritisch reflektiert.

Leider wiederholen sich einige Passagen, was sicherlich der Tatsache geschuldet ist, dass mehrere Kapitel in veränderter Form bereits als Aufsätze bzw. in ihrer Dissertation erschienen sind; wobei E.W. explizit sagt, dass die Kapitel in sich geschlossen und ohne den Gesamtzusammenhang des Buches verständlich sind. Nur einmal taucht ein Widerspruch in diesem Text auf, nämlich als E.W. ohne Anführungszeichen von der „ethnischen Herkunft der Väter“ (145) schreibt. Da wird plötzlich doch wieder eine Vorstellung von essentiellen, an Körper gebundene Charakteristika aufgerufen. „Ethnie“ ist kein Konzept außerhalb rassistischer Denkstrukturen, sondern hat mehr oder weniger den mittlerweile verpönten Begriff „Rasse“ abgelöst. Wie leicht man sogar in einem solch kritischen und klugen Buch in Abwehrstrategien verfallen kann, zeigt sich bei Eske Wollrads Analyse des Hollywoodfilms „Dangerous Minds“ – Analyse eines US-amerikanischen Films, der zudem noch in einem US-amerikanischen Ghetto spielt: So wird der in Deutschland weit verbreiteten Ansicht Vorschub geleistet, man müsse erst anderswo hingehen, um die Rassismusproblematik analysieren zu können, da Deutschland nur kurz Kolonialmacht gewesen sei und es nur wenige Schwarze in Deutschland gebe. Die persönliche Distanz der LeserInnen, die im ganzen Buch abgebaut wird, kann so wieder aufgebaut werden (auch wenn „der“ Hollywoodfilm sicherlich einen bedeutenden Bestandteil von Sozialisation in Deutschland darstellt).

Insgesamt ist das Buch ein wichtiger Beitrag für die Auseinandersetzung mit der Normativität von Weißsein und seinen gewaltsamen Effekten. Die gute Lesbarkeit und die klare Sprache machen es zu einem Buch, das neben AkademikerInnen auch AktivistInnen und in der Bildungsarbeit Tätigen einen hervorragenden Über- und Einblick in die Thematik liefert.

McClintock, Anne, 1995, Imperial Leather. Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest, New York/London.

Eggers, Maureen Maisha / Kilomba, Grada / Piesche, Peggy / Arndt, Susan, 2005, Konzeptionelle Überlegungen. In: dies. (Hg.), Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster, 11-13.

Daniel Bendix
Die Rezension ist zuerst erschienen bei IZ3W.

Rezensiertes Buch:
Wollrad, Eske: Weißsein im Widerspruch. Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion. Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2005. 230 Seiten, 20,00 EUR,
ISBN 3-89741-176-8.

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